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32. Sonntag im Jahreskreis
8. November 2026
Das Gleichnis von den zehn Jungfrauen ist eine bekannte Geschichte Jesu. Fünf törichte und fünf kluge Frauen, und schon läuft die Sache. Für die Klugen gibt es ein glückliches Ende und für die Törichten ein bitteres. Wer möchte nicht zu den Klugen zählen? Wer möchte schon töricht sein? Also: Wachsam bleiben und Ölvorräte sammeln! Ich möchte fünf kleine Blitzlichter nennen, die einen etwas anderen und vielleicht auch überraschenden Zugang zu diesem Gleichnis eröffnen.
1 Das Gleichnis erzählt von Jungfrauen, die sich auf die Ankunft des Bräutigams vorbereiten. Sie erwarten ihn, mit ganzem Herzen. Aber: Er kommt nicht, und kommt nicht. Alle schlafen ein. Die Erwartung der Jungfrauen „schläft ein“. Und dann doch: Es geht los! Alle werden wieder wach. Die Erwartung ist wieder da! Ganz frisch!
Es gibt aber nicht nur die Erwartung der Jungfrauen. Da ist noch eine Erwartung, nämlich die des Bräutigams. Der Bräutigam erwartet die Begegnung mit den Jungfrauen. Er freut sich auf sie. Er sehnt sich nach ihnen. Und im Gegensatz zu den Jungfrauen ist seine Erwartung stabil, sie hält durch, sie bleibt aufrecht.
So ist Gott: Gott erwartet uns, wenn wir auf ihn warten. Er sehnt sich nach uns. Er will uns in die Arme schließen und uns ein Fest bereiten. Die Erwartung Gottes ist größer als unsere eigene Erwartung. Sie kann helfen, unsere eigene Erwartung immer wieder neu aufzuwecken.
2 Die Jungfrauen stehen auf und machen ihre Lampen zurecht. Und erst da checken die törichten Jungfrauen, dass sie kein Öl auf Vorrat haben. Ohne Öl keine brennenden Lampen. Ohne Öl kein Licht. Ohne Öl kein Fortkommen.
Man könnte diese Situation – in unsere Zeit übertragen – auch „Ölkrise“ nennen. Wir wissen, dass die Ölreserven unserer Erde nicht unbegrenzt sind, nicht mehr ewig halten werden. Aber: Es gibt eine noch größere Ölkrise! „Die eigentliche Ölkrise besteht darin, dass die Lebensenergie ausgeht, dass der Vorrat an Sinn, an Treue und Liebe erlischt. Und dann erscheint auf einmal ein Schreckgespenst im Raum: Die Tür fällt ins Schloss.“[1]
Bei vielen Menschen geht der Lebenssinn verloren, die Freude, der Vorrat an innerem Trost. Traurig. Beängstigend. Die Krisensymptome werden immer mehr. Und in einer solchen Zeit kommen die Schreckgespenster aus allen Ecken und Enden. Glauben bedeutet, sich rechtzeitig mit Öl einzudecken, damit die „Ölkrise“, wenn sie kommt, nicht allen Mut nimmt. Und damit alles zum Schreckgespenst wird. Der Vorrat an Öl bewahrt die Zuversicht in uns.
3 Kein Öl. Lauter Schreckgespenster. Und dann auch noch die verschlossene Tür. Wäre es nicht im Sinne eines lebensfrohen Glaubens, wenn der Bräutigam sich umstimmen ließe und die törichten Jungfrauen doch noch aufnehmen würde?
Die Botschaft des Evangeliums und auch der Inhalt des christlichen Glaubens sind anders. „Man kann auch zu spät kommen – nicht nur zum Zug. Es kann sein, dass einmal alle Züge abgefahren sind. … ‚Amen, ich sage euch: Ich kenne euch nicht.‘ Das ist einer der unheimlichsten Sätze im Evangelium. Wer den Bräutigam prinzipiell ausgeschlossen hat aus seinem Leben, der muss sich nicht wundern, wenn dieser es dabei belässt. … Man kann sein Leben verspielen.“[2]
Das Evangelium, der christliche Glaube ist nicht harmlos. Das Heil ist keine Selbstverständlichkeit. Es braucht schon auch Übung, Dranbleiben, einen inneren Ernst bei der Sache.
4 Wenn wir über die Kirche und den Glauben nachdenken, schauen wir ganz oft zurück. Früher, ja früher, da war die Welt noch in Ordnung. Da hat der Glaube noch eine Bedeutung gehabt. Da waren wir noch mehr. Der Blick der Jungfrauen im Evangelium ist anders. Er richtet sich nicht nach hinten, in die Vergangenheit. Er richtet sich nach vorne, in die Zukunft. Der Bräutigam kommt nicht von hinten, er kommt von vorne. „Die Zukunft, die er uns eröffnet, ist größer als die Vergangenheit unserer Traditionen.“[3]
Wenn wir mit innerer Wachsamkeit den Glauben leben, dann brauchen wir nicht sehnsüchtig nach einer vergangenen Zeit schielen. Unser Blick ist nach vorne gerichtet. Denn Gott bereitet einen Weg, der in ein Plus führt. Keine Trauergesänge, sondern Hoffnungslieder sind gefragt.
5 Einen letzten Gedanken habe ich beim früheren Bischof von Limburg Franz Kamphaus gefunden. Dieser Gedanke hat mich überrascht. Wie ist das mit den törichten Jungfrauen? Sie merken, dass sie kein Öl haben. Sie laufen zu den Händlern – und versäumen die Ankunft des Bräutigams. Sie wollen nachholen, was sie versäumt haben – und versäumen damit alles.
„Ob sie nicht auch mit leeren Lampen in den Saal hätten ziehen können? Wenn sie nur beim Kommen des Bräutigams da gewesen wären! Vor jener letzten Tür zum Hochzeitssaal stehen wir ohnehin mit leeren Händen da. Wir können unser Heil nicht selbst schaffen. Das müssen wir auch gar nicht. Wir dürfen es empfangen.“[4]
Das ist die Überraschung. Und die ganz wichtige Botschaft: Es geht nie und nimmer um unsere Leistung. Es geht im Letzten um unser Vertrauen. Gott erwartet uns. Er will uns bei seinem Fest haben. So wie wir sind. Er will uns beschenken. Und wir, wir sind Empfangende.
Jakob Bürgler
[1] Franz Kamphaus, Tastender Glaube. Patmos 2017, 176.
[2] Ebd. 177.
[3] Ebd. 176.
[4] Ebd. 177.
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Datum: 08.11.2026
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