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Friedhofsfeier am Westfriedhof
1. November 2026
Liebe Friedhofsbesucherinnen, liebe Friedhofsbesucher!
Mein Eindruck ist, dass in letzter Zeit eine Frage immer drängender und immer lauter wird: Wohin?
Wohin entwickelt sich die Welt? Wohin führt das alles? Die Eskalationen an Gewalt. Zuletzt in den Metropolen Europas. Aber auch die andauernden Konfliktherde im Nahen Osten, in Afrika, in der Ukraine. Die Zuspitzung dieser Konflikte. Die Dominanz so vieler machtbesessener Politiker. Verbunden mit einer Sprache der Drohung als Versuch zur Bewältigung der Eskalation.
Die wirtschaftliche Entwicklung. Der Sparzwang. Die mangelnden Zukunftschancen für so viele junge Menschen. Das Auseinanderdriften zwischen Arm und Reich. Die Ohnmacht gegenüber Entwicklungen, die wir nicht mehr steuern können. Die Bedrohung durch einen Missbrauch von künstlicher Intelligenz.
Die Liste ließe sich fortsetzen. Wohin? Wohin geht diese Welt?
Dazu kommt noch eine andere Frage nach dem Wohin. Wohin gehen wir, wenn wir in Not sind? Wenn wir nicht mehr weiter wissen? Wenn uns innere Fragen quälen? Wenn wir den Lebensmut verlieren? Gott sei Dank leben wir in einem starken Sozialstaat, der viele soziale Nöte auffängt. Aber die inneren Nöte? Die Leere? Die Frage nach dem Sinn des Ganzen? Wohin? Wohin mit unserer Angst, wohin mit unlösbaren zwischenmenschlichen Konflikten, wohin mit dem Gefühl von Sinnlosigkeit und Frust? Wohin gehen wir mit unserer Not? Mit der Zerbrechlichkeit unseres Lebens?
Und das führt zu einer nächsten Frage des Wohin. Wohin geht unser Leben, wenn es zerbricht? Wohin gehen unsere Verstorbenen? Jene Menschen, mit denen wir in tiefer Liebe verbunden waren und sind? Die wie ein Stück unseres Herzens aus dem Leben herausgerissen worden sind? Wohin gehen sie?
Wohin? Die Frage ist auf vielen Ebenen virulent und bedrängend. Und wir merken: Die Zukunft ist nicht herstellbar. Die Lösungen sind nicht so einfach „machbar“. Es bleibt viel Unsicherheit, Angst, Beklemmung. Dürfen wir vertrauen oder müssen wir verzagen? Und wenn vertrauen: Auf wen? Auf wen vertrauen?
Christinnen und Christen können diese Frage nach dem Wohin „ausrichten“, sie ausrichten auf ein Gegenüber, auf ein „Du“, auf Gott. Sie können diese Frage nach dem Wohin stellen, sie vielleicht auch herausschreien, sie mit klagendem oder suchendem Herzen auf Gott hin richten. Wohin, Gott, führt das alles? Wohin, Gott, entschwindet unser Leben?
Vor kurzem habe ich wieder einmal ein Lied gehört, das seinen Ursprung in einer christlichen Ordensgemeinschaft hat, in der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé, und das mich sehr berührt. Das Lied antwortet auf die Frage nach dem „Wohin“. Allerdings mit einem etwas anderen Akzent. Nicht nur: Wohin gehen wir? Sondern: Zu wem gehen wir? Zu wem richten wir unser Leben und alle Fragen nach dem Wohin aus? Das klingt anders. Vielleicht tröstlicher. Hören wir hinein in dieses Lied.
Zu wem sollen wir gehen? Du Herr, du hast Worte des Lebens. Des ewigen Lebens. Vielleicht ist für manche eine steile Stufe. So alles auf Jesus Christus auszurichten. Die Frage nach Gott ist ja keine einfache Frage. Vielleicht eine steile Stufe. Aber eine Stufe, die sich lohnt. Der Glaube schenkt eine Tragkraft, die inmitten aller Fragen nach dem Wohin ein Trotzdem-Vertrauen schenkt, eine Trotzdem-Hoffnung. Ein Vertrauen, das das Innere, das Herz, zur Ruhe kommen lässt. Das inneren Frieden schenkt.
Bitten wir an den Gräbern unserer Verstorbenen und angesichts der bedrängenden Bilder von so vielen Gräbern Unschuldiger weltweit, von so vielen offenen und bedrängenden Fragen, die uns umtreiben und sorgen, um dieses innere Geschenk des christlichen Vertrauens. Zu dir, Gott, zu dir, Jesus Christus, können wir gehen. Du hast ein Wort, das tröstest und trägt.
Jakob Bürgler
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Datum: 01.11.2026
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