Staat und Religion. Wie politisch darf die Kirche sein?

Eine Fangfrage, die Jesus gestellt wird: "Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht?" Was gebührt der politischen Macht und was gebührt Gott? Gedanken dazu von Unipfarrer Jakob Bürgler findest du hier.

29. Sonntag im Jahreskreis

18. Oktober 2026

 

Die Gelehrten zur Zeit Jesu, die Rechtgläubigen und die Mächtigen beschließen, Jesus eine Falle zu stellen. Er soll hineintappen und nicht mehr herauskommen. Aber Jesus durchschaut das. Er lässt sich nicht hineinlegen.

Die Frage, die ihm gestellt wird: „Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht?“ (Mt 22,17) Wie ist das mit dem Verhältnis von Welt und weltlicher Macht und Religion? Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen oder nicht?

Wenn Jesus mit „Ja“ antworten würde – also Ja, gebt dem Kaiser die Steuer –, dann würde er den Kaiser als Gott anerkennen. Denn der Kaiser in Rom versteht sich als Gott. Bei einem „Ja“ würde sich Jesus gegen den Gott Israels versündigen, gegen jenen Gott, der der Einzige ist, der Gott aller Götter. Wenn Jesus allerdings mit „Nein“ antworten würde – also Nein, ihr braucht keine Steuern zu zahlen –, dann würde er zum Steuerboykott aufrufen und die Menschen gegen die Staatsordnung aufhetzen. Was also tun?

Die Antwort Jesu ist genial: „So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!“ (Mt 22,21)

Der Mensch lebt in unterschiedlichen Welten. Der irdischen Welt gebührt ihr Beitrag. Sonst kann sie nicht funktionieren. Jeder und jede hat diesen Beitrag einzubringen. Wir sind Menschen, die in einem Staat leben. Wir sind Menschen, die Pflichten haben, für die Gemeinschaft und füreinander, Menschen, die in politischen und wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhängen leben. Es ist die Pflicht eines Christen, einer Christin, sich einzubringen, sich einzusetzen, das Gemeinwohl mitzugestalten. Das gehört dem Kaiser, das gehört dieser Welt. Christ-Sein heißt nicht, sich von der Welt, wie sie ist, abzusetzen und mit ihr nichts zu tun haben zu wollen.

Aber auch die göttliche Welt braucht ihren Beitrag. Und der ist noch weit höher. Der „göttlichen“ Welt gebührt das Herz, das ganze Leben. Bischof Hilarius von Poitiers, ein Bischof und Theologe, der im 4. Jahrhundert gelebt hat, schreibt: „Wir müssen Gott geben, was ihm gehört, das heißt den Leib, die Seele und unsere Willenskraft. Diejenige Goldmünze gehört dem Kaiser, die sein Bild trägt. Die Münze aber, die Gott gehört, ist der Mensch, in den das Bild Gottes eingezeichnet ist. Darum gebt euren Reichtum dem Kaiser, euer reines Gewissen aber bewahrt für Gott.“[1]

Was könnte das nun konkret heißen? Achtung. Zurückhaltung. Präsenz

Achtung

Politische Macht missbraucht nicht selten die Religion. Das sehen wir im Nahen Osten, aber inzwischen auch im Westen, in den USA und immer wieder auch in Europa. Es ist wichtig, wachsam zu sein, genau zu unterscheiden und Tendenzen zu durchschauen, bei denen es zwar offiziell um eine religiöse Darstellung geht, die aber im Letzten eine bestimmte Kultur meinen, die sich dann loslöst von konkreter Religion. Meistens wird dieser Gebrauch von Religion gegen andere verwendet. Das ist ein Missbrauch von Religion.

Zurückhaltung

Es braucht Menschen, die sich in die Parteipolitik einbringen. Aber als Kirche im Gesamten ist bei Parteipolitik Zurückhaltung angesagt. Die Kirche soll und muss sich heraushalten aus einem parteipolitischen Spiel der Kräfte. Sie muss und darf nicht zu allem und jedem etwas sagen, nur weil es gerade in den Medien ist. Als Glaubensgemeinschaft sind wir keine politische Partei, kein Club. Zu uns gehören Menschen aus unterschiedlichen politischen Vereinigungen.

Präsenz

Der christliche Glaube ist von seinem Wesen her politisch. Und zwar deshalb, weil er Konsequenzen hat für das Leben, für das soziale und gemeinschaftliche Leben, für die Weltordnung, für die Werte, die eine Gesellschaft tragen. Der Ruf, dass sich die Verantwortlichen der Kirchen „heraushalten“ sollen aus dem politischen Diskurs, widerspricht unserem Glauben.

Ein paar kleine Beispiele aus den Statements unsers Papstes.  In Lourdes hat er klar zur Thematik der Sterbehilfe Stellung bezogen, durchaus auch in Konfrontation mit der Position jenes Landes, das ihn nach Frankreich eingeladen hat. „Es ist unmöglich, das Herbeiführen des Todes als normal anzusehen. Was legal ist, ist nicht zwangsläufig auch sittlich erlaubt.“ Oder seine Aussage zum Thema „Remigration“: „Remigration ist keine christliche Antwort.“ Es sei so, als wolle man ein Problem einfach vom Hals haben. Oder vor kurzem auch zum Thema „Todesstrafe“: Unser Papst hat ein deutliches Nein ausgesprochen – nicht, weil er die tiefe Schuld eines Menschen nicht sehen will, sondern weil vor Gott auch ein schuldhafter Mensch eine Würde hat, die wir ihm nicht nehmen können.

Das Christentum ist von seinem Wesen her politisch. Und es wird sich einbringen in die Gestaltung unserer Gesellschaft und Welt.

Der Evangelist Johannes überliefert uns die Worte Jesu: „Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin. … Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt.“ (Joh 17,16.18) Also: In der Welt sein, aber nicht von der Welt sein. Das Innerste unseres Lebens, das Innerste der Welt ist nicht Welt, sondern mehr als Welt. Gott seinen Platz geben bedeutet: Gott die Mitte geben, das Herz. Auf dem Herzen soll nicht der Stempel dieser Welt sein, sondern das Bild Gottes. Mein Denken und mein Handeln und mein Innerstes sollen von Gott und von meinem Glauben geprägt sein.

Jakob Bürgler

[1] Hilarius von Poitiers, hier nach: Thomas von Aquin, Catena Aurea. Kommentar zu den Evangelien im Jahreskreis, hg. v. Marianne Schlosser und Florian Kolbinger, EOS Verlag, St. Ottilien, 2. Auflage 2012, 303.

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Datum: 18.10.2026

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