Mit Jesus lernen - um des Menschen willen

Jesus steht treu zur Sendung im Volk Israel. Und gleichzeitig überschreitet er Grenzen - um des Heiles der Menschen willen. Er lernt - und wir lernen mit ihm. Gedanken dazu von Propst Jakob Bürgler findest du hier.

20. Sonntag im Jahreskreis

16. August 2026

Was hat Jesus nur bewegt, zu dieser kaananäischen Frau so hart zu sein? So kennen wir ihn nicht. Es dauert lange, bis er einlenkt.

Was ist der Hintergrund dieser Erzählung? „Jesus geht über die Grenze. Er verlässt Galiläa, er zieht sich zurück in die Gegend von Tyros und Sidon. Heidnisches Land, gottlose Gegend, dachten die Juden. Für die Frau, von der hier erzählt wird, trifft das erst recht zu. Sie ist Kanaanäerin, gehört also zu einer Religion, die Israel auszurotten versuchte. Welten trennten Israel und Kanaan, ein eiserner Vorhang zwischen Gottesfurcht und Götzendienst in Form des Fruchtbarkeitskultes.“[1]

Also: Gottlose Gegend, verhasstes Volk. So gesehen benimmt sich Jesus ganz normal, ganz den Normen entsprechend. Die Jünger wollen, dass Jesus hilft. Aber nicht, weil ihnen die Frau leid tut. Nein, weil sie lästig ist. Weil sie ihre Ruhe wollen. Sie wollen die Frau abwimmeln. „Schick sie fort, denn sie schreit hinter uns her!“ (Mt 15,24) Das passt zur damaligen Überzeugung: Feinde sind zu hassen. Weg mit ihr!

Vielleicht denken wir: Gott sei Dank sind wir weit weg von dieser Zeit! Da bin ich mir nicht so sicher. Manchmal kommt mir vor, dass diese Form des Umgangs miteinander, die Abneigung, die Ausgrenzung, der Hass, die Abwertung, das Feindbilddenken, die verbale Gewalt wieder zunehmen. Und leider oft genug auch wieder gesellschaftsfähig werden.

Ein Blick auf die politische Bühne genügt. Es ist erschreckend und abstoßend, wie im politischen Diskurs geredet wird, mit Superlativen der Abwertung, mit einer Bösartigkeit sondergleichen. Einfach zum Schämen. Diskussionen sind ok, auch harte Diskussionen. Aber wenn der andere nur mehr als Dreck und Versager erscheint, dann ist eine Grenze weit überschritten.

Und dazu noch die brutale Kriegsrhetorik, die sich immer mehr verbreitet. Verbunden mit einem Hass, der den anderen nur kaputt machen will. Wir sehen das im Ukraine-Krieg wie im Nahen Osten, bei den jüdischen Siedlern im Westjordanland und auch in den USA.

Ich denke mir, wir als Christinnen und Christen sollen wachsam sein. Wie steht es um die Menschlichkeit derer, die von uns gewählt werden wollen? Wie reden wir über Gruppen, die uns fremd sind? Ob es nun um das Genderthema geht oder um Migration, um Sozialhilfeempfänger oder um Lebensschutz.

Aber: Jesus scheint hier nicht besser zu sein. „So kennen wir Jesus nicht. Was ist nur in ihn gefahren? Eigenartig! Sonst hilft er, wo er nur kann. Warum hier nicht? Seine Antwort ist eindeutig: ‚Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt‘. … Er ist davon überzeugt, dass Gott die Welt durch Israel zum Heil führen will.“[2]

„Aber inzwischen ist er doch schon über die Grenze gegangen, er hat heidnischen Boden unter den Füßen. Kann er da noch sagen: Die Frau gehört nicht zu uns, ich bin nur für die Juden da? Wer soll das nachvollziehen können? Wir denken: Egal ob Jude oder nicht, das Mädchen ist schwerkrank, da muss doch geholfen werden.“[3]

Und genau da passiert es. Jesus überschreitet die Grenze. Zuerst körperlich, dann inhaltlich. Der Glaube der Frau fordert ihn zur Grenzüberschreitung heraus. „Er ist auch für sie da und nicht nur für Israel. Eine neue Erfahrung … Jesus lernt dazu: Keiner, der glaubt, wird vor die Hunde gehen.“[4]

Und damit öffnet sich jenes Bild, das das Christentum im Tiefsten prägt: Die Achtung vor der Menschenwürde eines jeden Menschen. Der Respekt vor den tiefen Überzeugungen des anderen. Im letzten die – von Jesus gelehrte – Feindesliebe. So wie Jesus überschreiten Christen die Grenzen. Es geht um den Menschen, um sein Heil, um seine Rettung, um seine Annahme.

Die Hausaufgabe aus diesem Evangelium ist nicht einfach. Schaue dich um! Wo sind jene Menschen, die ausgeschlossen werden, abgewertet, schlecht gemacht, zum Feindbild erklärt? Wie wird geredet? Wo verdeckt eine scheinbar christliche Kultur eine erschreckende verbale Gewalt?

Und wie kann ich auf solche Menschen zugehen? Wie Gastfreundschaft leben? Wie einen Schritt über die Grenze tun? Wer die christlichen und humanistischen Wurzeln Europas beschwört, der kommt an diesen Fragen nicht herum. Gehen wir mit Jesus in die Schule und lernen wir dazu – wie er.

Jakob Bürgler

[1] Franz Kamphaus, Tastender Glaube. Patmos 2017, 144.

[2] Ebd. 145.

[3] Ebd. 145.

[4] Ebd. 146.

Kategorie:

Datum: 16.08.2026

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