Maria und der Duft

Maria ist mit ihrer ganzen Existenz, mit allem, was ist ausgemacht hat, in den Himmel heimgekehrt. Zu ihrem lieben Sohn Jesus. Gedanken dazu von Propst Jakob Bürgler findest du hier.

Mariä Himmelfahrt

15. August 2026

In meiner Jugend hat es ein Wort gegeben, von dem ich nicht weiß, ob man es heute noch verwendet. „Sich verduften.“ Oder an eine andere Person gerichtet: „Verdufte dich!“ Wie schon der Klang verrät, handelt es sich dabei um kein allzu positives Wort, eher um ein Wort, das bei Streit oder in Auseinandersetzung verwendet wird. Sich verduften bedeutet: Sich aus dem Staub machen, abhauen, verschwinden, sich etwas nicht antun wollen. Und „verdufte dich!“ heißt dementsprechend: Hau ab! Geh mir aus dem Weg! Mach dich aus dem Staub!

Wahrscheinlich ein etwas eigenartiger Einstieg in die Predigt am Maria Himmelfahrtstag, oder? Wer wird denn da vom Verduften reden? Maria hat sich ja nicht „verduftet“. Sie ist gestorben und – ganz positiv – heimgegangen, zu Jesus ihrem lieben Sohn. Jesus hat sie am Ende ihres Lebens zu sich genommen, in seine Herrlichkeit. Ganz und gar. Mit Leib und Seele. Mit allem, was ihr Leben ausgemacht hat.

Maria ist nicht verduftet. Aber: Sie hat – so könnte man sagen – einen „Duft“ hinterlassen. Einen Wohlgeruch. Einen kostbaren Duft. Einen Duft, der bis heute nachwirkt und spürbar ist.  Ihr kennt sicher die Legende, die mit ihrem Tod verbunden ist. Als die Apostel das Grab von Maria öffneten, war kein Leichnam mehr da. Kein Verwesungsgeruch. Stattdessen der herrliche Duft von frischen Kräutern.

Und das ist auch der Grund, warum wir zu Mariä Himmelfahrt Kräuterbüsche segnen: In Erinnerung an den Wohlgeruch Marias. Und in Dankbarkeit dafür, dass Gott das Leben von Maria und unser Leben wandelt, in Wohlgeruch verwandelt. Maria hat einen Duft hinterlassen. Sie hat sich nicht verduftet. Was nun, so frage ich mich, macht diesen Duft aus? Ein paar kleine Gedanken dazu.

Maria macht sich auf den Weg zu ihrer Verwandten Elisabet. Sie will ihr beistehen in den Monaten vor der Geburt. Elisabet ist ja noch im hohen Alter schwanger geworden. Maria betritt das Haus, in dem Elisabeth wohnt. Und dann heißt es ganz einfach: „… und begrüßte Elisabet.“ (Lk 1,40) Maria begrüßt Elisabeth. Na, was denn sonst, könnte man sagen. Ich vermute einmal, dass sie sind umarmt haben, vielleicht auch geküsst, dankbar dafür, dass sich die beiden Frauen gegenseitig haben. Maria begrüßt Elisabet.

Wie sieht es denn mit unserem Grüßen aus? Manchmal fällt uns der aufmerksame Gruß dem anderen Menschen gegenüber ja nicht leicht. Ist dieser Gruß ehrlich, aufmerksam, wohlwollend? Oder knapp, in Eile, mit wenig Präsenz?

Wer einen Menschen mit wachem Herzen grüßt, der bleibt mit dem Herzen eine Weile bei ihm. Der nimmt ihn wahr. Der verbindet sich mit dem, was den anderen gerade bewegt. Im Gruß kann ganz viel positive Energie frei werden. Oder anders ausgedrückt: Im Gruß kann ein Wohlgeruch entstehen, ein Duft, der die Begegnung zwischen Menschen positiv erfüllt. Deshalb: Wie Maria aufmerksam grüßen.

Von einem Gruß ist ja auch die Rede, als der Engel Gabriel zu Maria kommt und ihr die Nachricht bringt, dass sie die Mutter des Erlösers werden soll. Da sagt der Engel: „Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir.“ (Lk 1,28) Sei gegrüßt!

Es gibt Übersetzungen, die diesen Gruß anders ausdrücken. Statt „sei gegrüßt“ heißt es dort „Freue dich!“ Also: Freue dich, du Begnadete, der Herr ist mit dir! Hintergrund dieser Übersetzung ist die Überzeugung, dass dieser Gruß mit dem Jubel im Buch des Propheten Zefanja verbunden ist, wo es heißt: „Juble, Tochter Zion! Jauchze Israel! Freu dich und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem.“ (Zef 3,14)

Der Gruß an Maria ist also ein Ausdruck der Freude. Wenn wir heute die Aufnahme Mariens in den Himmel feiern, dann erfüllt uns Freude. Dann hilft uns Maria, eine Quelle der Freude zu finden. Wie viele Menschen haben schon erlebt, dass sie zu neuer Freude gekommen sind, wenn sie sich Maria anvertraut haben! Und Freude, das wissen wir, hinterlässt einen Wohlgeruch, einen Duft, der aufleben lässt, innerlich stärkt und beflügelt. Der Duft der Freude. Also: Wie Maria und mit Maria die Freude empfangen.

Und noch ein dritter Gedanke. Maria, so glauben wir, ist mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden. Diese Überzeugung will nicht darauf Antwort geben, was mit den „Knochen“ von Maria passiert ist. Der Glaube an die Himmelfahrt macht deutlich, dass alles von Maria, ihr ganzes Leben, ihre ganze Person, auch ihr menschlich gebrechlicher Leib, verwandelt wurde, gewandelt in eine neue Existenz.

Und geblieben ist von ihr ein unglaublich schöner und nachhaltiger Duft. Durch alle Jahrhunderte bis heute. Das zeigt ihre Verehrung und das Vertrauen in sie. Von Hilde Domin stammt das bekannte Wort: „Es blüht hinter uns her.“

Das Leben hinterlässt Spuren, Spuren des Mutes, des Guten und des Segens. Das kann man vor allem von Maria sagen. Es blüht hinter ihr her. Ihr Duft wirkt bis heute. Daran erinnern die Kräuter in ihrem Grab und heute beim Gottesdienst.

Jakob Bürgler

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Datum: 15.08.2026

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