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Weihnachten
Dezember 2025
Es war vor ungefähr 15 Jahren. Wir hatten Besuch. Eine junge Mama mit ihrem kleinen Mädchen, Marlene. Zu Weihnachten. In unserer Küche am Domplatz stand, und steht auch heute noch, eine Krippe mit recht großen Figuren. Maria, Josef, ein Engel, und das Jesuskind. Das Kind liegt in der Mitte auf einem roten Tuch.
Marlene schaut zur Krippe und ist ganz fasziniert von diesen Figuren. Und sie nimmt das kleine Jesuskind in ihre kleinen Händchen, ganz vorsichtig, umfasst es innig, wie eine bergende Schale, und gibt ihm einen Kuss. Ohne Aufforderung. Ganz überraschend. Aus einem Impuls ihres kindlichen Herzens heraus.
Mich hat das damals sehr berührt, so sehr, dass ich es immer noch gut in Erinnerung habe. Ein kindlicher Impuls, ganz frisch und unverbraucht, nicht eingeübt, nicht als Spiel inszeniert, einfach so. Ein Zeichen der Liebe aus der Mitte des Herzens. Verletzlich wie das Jesuskind. Zart wie ein Hauch.
Die Heilige Weihnacht birgt diesen Hauch der Liebe in ihrem innersten Kern. Von Gott her, nicht vom Menschen ausgehend. Das Rundherum ist ja alles andere als zart und liebevoll. Es ist hart und herausfordernd. Der weite Weg nach Betlehem, die ausgesetzte Geburt, die armen Verhältnisse, die Flucht vor einem König, der in seiner Angst wahnsinnig wird. Trotzdem verbinden wir mit Weihnachten das Zärtliche, das Liebliche, das Strahlen des Kindes. Trotz aller bitteren und schweren Umstände.
Weihnachten, die Geburt des Christuskindes, ist keine Idylle, keine Schönfärberei, kein Verdrängen der Not, sondern ein Hauch der Zärtlichkeit mitten hinein in das, was bitter ist und böse, was niederdrückt und schwer auf uns Menschen lastet. Weihnachten ist ein Hauch inmitten scharfer Winde. Von Gott her.
Heuer sind mir bei der Meditation der biblischen Texte besonders die Aussagen über den Frieden aufgefallen. Die Engel verkünden den Hirten die Geburt des Retters und rufen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens.“ (Lk 2,14) Wo ist dieser Friede auf Erden?
Noch stärker sind die Aussagen des Propheten Jesaja: „Denn ein Kind wurde uns geboren, ein Sohn wurde uns geschenkt. … Man rief seinen Namen aus: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens.“ (Jes 9,5) Und an anderer Stelle: „Jeder Stiefel, der dröhnend daherstampft, jeder Mantel, im Blut gewälzt, wird verbrannt, wird ein Fraß des Feuers.“ (Jes 9,4) Ist nicht das Gegenteil der Fall? Wo bleibt der Fürst des Friedens?
Die vielen Unruheherde der Welt, die unerbittlichen Kriege, die Zunahme an Gewalt und Spannungen sorgen mich. Wo soll das noch hinführen? Man hat den Eindruck, dass immer mehr Kriegstreiber am Werk sind. Kein Ende der Gewalt in Sicht. Und wenn es an der einen Ecke etwas ruhiger wird, dann geht es irgendwo anders los oder wieder los. Der Blick in die zerstörten Städte in der Ukraine und im Gazastreifen sind erschütternd. Zum Heulen.
Ist Weihnachten also doch nur eine Idylle, ein frommer Traum, eine Utopie? Ein Beruhigungsmittel, damit wir nicht ganz verzweifeln? Ein Geschehen, das mit unserer konkreten Welt nichts zu tun hat? Ein frommes Innehalten, bevor die Brutalität des Lebens wieder zuschlägt? Eine Gefühlsduselei, verstärkt durch süße Kekse und benebelnden Glühwein? Ist Marlene dem frommen Zauber auf den Leim gegangen? Hat sie sich und haben wir uns täuschen lassen? Ich lade ein, mit Marlene das Christuskind in die Hände zu nehmen und es zu fragen, wie das mit dem Frieden ist.
Eines wird sofort klar: Gewalt ist keiner der Namen Gottes. Gott kommt nicht mit Gewalt. Gott kommt mit dem Hauch der Zärtlichkeit und Verletzlichkeit. Wenn heute manche davon reden, dass die Verteidigung des christlichen Abendlandes auch mit Härte und „leider“ auch mit manchen Formen der Unmenschlichkeit geschehen müsse, dann setzt Weihnachten ein „Stoppschild“. Nein. Das ist nicht christlich. Das geht mit Weihnachten nicht zusammen. Gewalt beginnt schon mit der Sprache. Wie reden manche über andere, über diejenigen, die scheinbar nur Probleme schaffen? Die Tendenz, sich selbst Christ zu nennen und mit Härte und Gewalt vorzugehen, braucht Widerstand.
„Der Gott, an den wir glauben, ist wehrlos wie ein Kind, gewaltfrei von der Krippe bis zum Kreuz. … Christen glauben an den Gott, der keine Gewalt brauchte, um sich durchzusetzen, der auch dem Letzten noch Bruder geworden ist.“[1]
Und noch etwas zeigt uns das Christuskind in der Hand von Marlene. Der Friede ist ein zerbrechliches Gut. Er beginnt ganz klein, unscheinbar. Wer auf ein großes Wunder des Friedens hofft, und das tun wir alle, muss zuerst in seinem Umfeld beginnen, anfangen mit kleinen Schritten der Versöhnung. Ich kann nicht auf den Weltfrieden und auf die Lösung der gesellschaftlichen Spannungen hoffen, und selber im Groll und im Unfrieden verharren. Oder wie es der Evangelist Johannes sagt: „Er [Gott] kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ (Joh 1,11)
Wie sehr wünsche ich mir für das kommende Jahr neue Aufbrüche des Friedens! Wie dringend braucht sie unsere Welt! Die Geburt des Christuskindes sagt mir: Der Friede ist mit dem Fürst des Friedens gekommen. Er muss nur noch angenommen werden. Von Menschen, die das Echo des Kindes weitertragen.
Und dafür brauchen wir eine Neuentdeckung des Kerns von Weihnachten, eine Erneuerung unseres Glaubens an Christus. „Let’s put Christ back in Christmas.“ Der Kern ist nicht das Fest, nicht der Glitzer, den wir produzieren, nicht unser Tun. Es ist das Kind, in dem die Hoffnung auf Frieden liegt. Machen wir es wie Marlene. Bergen wir das Kind zärtlich in unseren Händen.
Jakob Bürgler
[1] Franz Kamphaus, Tastender Glaube. Inspirationen zum Matthäusjahr. Patmos 2017, 30-31.
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Datum: 25.12.2025
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